Texte

„Jedenfalls der Erde näher als den Sternen“ (Emil Schumacher)

Es ist keineswegs verwunderlich, dass der Künstler Klaus Hollauf das Werk von Emil Schumacher, dem großen deutschen Vertreter des Informel, in besonderer Weise schätzt, es verwundert gleichermaßen keineswegs, dass Klaus Hollauf als Künstler und Mensch sich insbesondere in jenem Schumacher-Zitat aufgehoben fühlt, dessen subtil zum Ausdruck gebrachtes Changieren zwischen Himmel und Erde zwar zu verhaltener Erdgebundenheit gerät, aber letztlich im Falle von Klaus Hollauf in seiner Bestimmtheit als existenziell Suchender und in seiner künstlerischen Beschäftigung mit dem Menschenbild vor allem der Zustand eines ZWISCHEN artikuliert wird.

Ein „zwischen den Welten“, ein „zwischen den Zeiten“ als Synonym für seine beständige geistig-künstlerische Wanderschaft, die niemals jedoch das erdnahe Bewusstsein vom „Gewicht der Welt“ verleugnen kann und möchte, wie es Peter Handke im ersten Satz seines Journals der siebziger Jahre unter dem gleichlautenden Titel formuliert: „Als ob man sich manchmal bücken müsste zum Weiterleben“. Während der finale Satz des Journals – „Gegen Abend endlich der Moment, da ich mich freigedacht habe: und ich hob mein Haupt wieder“ – einen Spannungsbogen erahnen lässt, dessen tiefgründiges Gefüge von Bindung und Befreiung, von Abhängigkeit und Selbstbestimmung im vergleichbaren Sinne sich zum unausweichlichen „Freimalen“ jenes Erkenntnisraumes gestaltet, in dessen Geviert, in sich wiederholender Annäherung und exzessiver Ausdeutung, Klaus Hollauf in Linien und Farben immer auch sein gesamtes Leben bündeln möchte.

Klaus Hollauf ist frei aller Versuchung, die Erscheinungsformen dieser Welt mit seinen malerischen Mitteln beherrschen zu wollen, vielmehr versucht er in wiederholenden Malvorgängen sich den Dingen dieser Welt anzunähern, vielmehr vermag er – mit zielgerichteter Dynamik und sensibel-wuchtvoll gesetztem Formwillen – das Moment des Unerwarteten und Überraschenden stets zu bewahren. Dabei ist die Figur das zentrale Anliegen des in hohem Maße spirituell bestimmten Strebens, die menschliche Existenz mit ihren Höhen und Tiefen anzunehmen und zu durchleben. In konzentrierten Arbeitsschritten schöpft er aus der Stille und entwickelt auf seinen Malgründen eine graphische Komponente, deren verzerrte Körperproportionen und flirrend kurvige Strichführungen zum Sprachvokabular seiner psychologischen Studien der menschlichen Grenzerfahrung werden. Unzweifelhaft ereignet sich dies in einem strukturierten noch spürbar geordneten Raum, dessen beeindruckende Spannung im gegensätzlichen Spiel von Ruhe und Dynamik, Offenheit und Geheimnis sowie Askese und Sinnlichkeit intensiviert wird.

Die wechselseitige Bedingtheit von Fläche und Linie dynamisiert die gestisch gesetzten Spuren hin zu einer „Bildtemperatur“, die – mit unerschöpflichem Geist und hoch aufgeladener Körperlichkeit – eine berührende Balance aus expressiver und lyrischer Gesamtheit ermöglicht.

Seine Tragtaschen-Arbeiten etwa führen eindrucksvoll vor Augen, dass diese beispielgebende Oberfläche der Konsumwelt einen besonderen Malgrund für die Darstellung der Wechselfälle, der Brüche und Abgründe menschlicher Existenz darstellt. Auf die Frage, welche Inhalte seine Tasche für die „letzte“ Reise bergen sollte, erwähnt Klaus Hollauf das Bewusstsein vom Wert der Selbstverwirklichung, das Gefühl der im Arbeitsprozess erreichten Selbstvergessenheit sowie die Erinnerung an die ersten warmen Frühlingstage, die „vom Eise befreit… durch des Frühlings holden, belebenden Blick“ fern allen faustischen Unvermögens die Kraft zur Welterkenntnis besitzen, wobei die Unerreichbarkeit zu Lebzeiten vom Maler Klaus Hollauf in einer grenzüberschreitenden Wahrhaftigkeit festgehalten wird.

Igor Pucker




Der Mensch ist ein Hingestreckter und oft Geknickter. Er ist hineinverwoben in den Untergrund – in die Erde, in die Materie – und explodiert blitzartig dann wieder darüber hinaus. Er leidet an sich, ist gewunden und verwundet, aber nicht vollends fatalistisch in das Schicksal ergeben. Mit Gegenwehr gegen die Verwundungen und Verletzungen drängen die Körper kraftvoll energetisch nach außen, voller Sehnsucht nach Ganzheit und in einer Gegenbewegung zu den Absurditäten des Lebens.

Es sind nicht Massenmenschen, die bei Klaus Hollauf zur Darstellung kommen, sondern immer sind es im höchsten Maße Individuen, hochkomplexe Einzelwesen mit je eigener Geschichte und eigenem Reflexionshintergrund. Jede Figur hat eine signifikant unverwechselbare Lebensleidenschaft, gebrochen zwar aber ausgerichtet in ein größeres Ganzes mit einer Rotation hin zu einer unsichtbaren Fülle.

Die Figuren sind niemals statisch, sondern immer in einer expressiven Bewegung. Der Mensch ist ein Rastloser, ein Getriebener und ein nach vorwärts Geworfener. Und es gibt da kein Entkommen, sondern die einzige Chance ist, die Bewegung mit zu vollziehen und dadurch Möglichkeiten zu finden, um sich nicht zu verlieren. Das Ich will auch im existentiellen Kampf Ich bleiben und nicht aufgesogen werden.

Anton Boschitz




Fernab klassischer Harmonien entwickelt er ein Bild des Körpers, oft erotisch aufgeladen und doch dramatisch gebrochen.  Der überstreckte, verrenkte, ausgespannte Gestus wirkt überzeichnet und trotzdem wahrhaftig. Er entzieht dem Körper nicht dessen Energie und formuliert Gebrechlichkeit nicht mit herzsparender Klugheit, er schwindelt sich nicht ohne den mühsamen Weg des Naturstudiums in floskelhafte Abstraktion. Er bricht immer wieder eigene, wie aus einem Guss aufgefundene Ergebnisse auf und ringt um noch unmittelbarere Zusammenhänge zwischen Wahrnehmung und Darstellung.

„Giacomettihaft“ grübelt und „graviert“ Hollauf über mehr als dreißig Jahre immer wieder den ins Dasein geworfenen Menschen in vielfältigste Bildgründe. Diese Radikalität im Blick auf den Menschen endet theologisch christlich fortgedacht in jedem Fall am Kreuz. Kein Übermensch,  keine  Verklärung, kein versöhnlicher Humanismus oder zynischer Existenzialismus beschreibt Hollaufs zweifellos der österreichischen neuen Wilden zuzuordnende Position adäquat.

Thomas Stadler




Klaus Hollauf illustriert keine Theorien, er will die Malerei nicht für eine Idee opfern. Er gestaltet mit materiellen und ideellen Mitteln seine Kunstwelt. Alles was er malt trägt seine individuelle Handschrift. Er bricht aus dem minimalen Aktionsraum des Menschen in einer von Abhängigkeiten und Zwängen bestimmten, täglich gefährdeten Welt aus. Seine Malerei ist Emotionsspiel, Drang nach Ausdruck und Aktion, Dokument seines Zuganges zu den Phänomenen des bipolaren Lebens. Seine Bilder sind jubelnder und klagender Aufschrei. Es sind Bilder des Engagements, Bilder des Protestes ohne Hass.

Das Werk von Klaus Hollauf ist nicht nur Bekenntnis  zur Farbe und Form, sondern auch zur Expressivität. Seine Pinselführung macht Bewegungen sichtbar, in denen sich sein Wesen und Temperament ausdrücken. Seine Bilder machen die impulsive und spontane, aber auch intellektuell kontrollierte Gestik des Malens sichtbar – als Ausdruck seiner spezifischen lyrisch-dramatischen Sensibilität. Was Klaus Hollauf charakterisiert, ist seine tiefgreifende Intensität der Bildstruktur. Permanente intellektuelle Kontrolle ist unbestimmt, somit der Terminus „geplante Malerei „ nur bedingt anzuwenden. Temperament und Stimmung anhaltend, ständig erkennbar. Er arbeitet viel mit seinen Gefühlen und seinem intuitiven Gefühlswissen. Er tut Dinge, die er für richtig hält, lieber aus der Intuition heraus als nach vorheriger Prüfung.  „Seine Malerei ist nicht berechenbar und nicht konstruierbar“.

Heinz Drusowitsch